Als Maria Schmerbeck am 29. Juni 1921 geboren wurde, prägten Pferdefuhrwerke das Ortsbild, Radio war eine technische Neuheit und an Computer oder Smartphones dachte niemand. Heute, 105 Jahre später, blickt die Oberschneidingerin auf ein Leben zurück, das von den großen Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts ebenso geprägt wurde wie von persönlichem Fleiß, Mut und Tatkraft. Sie erlebte Kriegs- und Nachkriegsjahre, die Währungsreform, den wirtschaftlichen Aufschwung und den Wandel von einer bäuerlich geprägten Welt bis ins digitale Zeitalter.
Es gibt Menschen, deren Lebensgeschichte zugleich ein Stück Heimatgeschichte erzählt. Maria Schmerbeck ist eine von ihnen. Mit 105 Jahren hat sie Generationen kommen und gehen sehen, gesellschaftliche Umbrüche erlebt und die Entwicklung ihrer Heimatgemeinde über Jahrzehnte hinweg begleitet. Nach aktuellem Kenntnisstand ist sie die älteste Bürgerin des Landkreises Straubing-Bogen. Im Antoniusheim wurde dieser außergewöhnliche Geburtstag gemeinsam mit Familie, Freunden, Wegbegleitern, Mitbewohnern und zahlreichen Gratulanten gefeiert.
Wer Maria Schmerbeck begegnet, spürt schnell, dass hinter dem hohen Alter eine bemerkenswerte Persönlichkeit steht. Sie verfolgt aufmerksam das Tagesgeschehen, liest regelmäßig Zeitung und interessiert sich bis heute für die Entwicklungen in ihrer Heimatgemeinde. Wach, humorvoll und neugierig nimmt sie Anteil an dem, was um sie herum geschieht.
Geboren wurde sie in eine Zeit, in der das Leben von harter Arbeit geprägt war. Ihre Eltern standen als Magd und Knecht auf einem Hof in Oberschneiding in Dienst. Mit großem Fleiß und viel Entbehrung gelang es ihnen, nach und nach eine kleine Landwirtschaft aufzubauen. Gemeinsam mit ihren drei Geschwistern – zwei Brüdern und einer Schwester – half Maria schon früh im Stall und auf den Feldern mit. Nach der Schule wartete die Arbeit, Freizeit war damals ein knappes Gut.
Später arbeitete sie auch auf anderen Höfen in der Umgebung. Für einen Nachmittag in den Zuckerrüben erhielt sie gerade einmal 50 Pfennig – Geld, das mit harter Arbeit verdient werden musste. Besonders schwer wurde die Zeit, als Maria 18 Jahre alt war: Ihr Vater starb, und gleichzeitig mussten ihre Brüder in den Krieg ziehen. Gemeinsam mit ihrer Mutter hielt sie daheim alles am Laufen und übernahm schon früh große Verantwortung.
„Das war eine schwere Arbeit für Frauen und Mädchen“, erinnert sie sich. Die Sorge um die Brüder begleitete die Familie über Jahre hinweg. Umso größer war die Erleichterung, als beide gesund nach Hause zurückkehrten. Während der ältere Bruder auf einen Hof einheiratete, übernahm der Jüngere den elterlichen Betrieb. Maria verdiente ihren Lebensunterhalt weiterhin mit ihrer Arbeit bei den Bauern der Umgebung.
1961 begann für sie ein neuer Lebensabschnitt. Auf Empfehlung des damaligen Postboten bewarb sie sich bei der Poststelle Oberschneiding und erhielt eine Anstellung als Briefträgerin. Tag für Tag war sie bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad unterwegs und brachte die Post zu den Menschen im Ort. Zwölf Jahre später suchte die Post Mitarbeiter mit Führerschein für die Zustellung außerhalb Oberschneidings. Maria Schmerbeck besaß bereits einen Führerschein und erhielt ein Postauto. Damit wurde sie zur ersten Frau im Postbezirk Straubing, die einen Postwagen fuhr – eine Leistung, auf die sie bis heute mit berechtigtem Stolz zurückblickt.
Neben ihrer Arbeit erfüllte sie sich 1958 den Traum vom eigenen Haus. Besonders ihr Garten lag ihr stets am Herzen. Mit viel Liebe pflegte sie Blumen, Gemüse und Sträucher. Im Ruhestand entdeckte sie zudem ihre Reiselust. Auf zahlreichen Busreisen lernte sie viele Länder Europas kennen und sammelte Erinnerungen, die sie bis heute gerne erzählt.
Trotz aller Unternehmungen blieb sie ihrer Heimat eng verbunden. Sie unterstützte ihren Bruder auf dem Hof und pflegte ihre Mutter bis zu deren Tod. Ihre Selbstständigkeit bewahrte sie sich bis ins hohe Alter: Mit 90 Jahren kaufte sie sich noch einmal ein neues Auto, erst mit 97 gab sie den Führerschein schließlich ab.
Viele Jahre prägte Maria Schmerbeck auch das Leben im Seniorenclub Oberschneiding mit. Berühmt waren vor allem ihre hausgemachten „Kuachl“, die längst Kultstatus erreichten. Wenn Maria backte, wusste jeder: Schnell sein lohnt sich!
Seit fünf Jahren lebt Maria Schmerbeck nun schon im Antoniusheim. Im Alter von 100 Jahren zog sie dort ein und erzählte bei ihrem Einzug ihre beeindruckende Lebensgeschichte. Für einen besonders bewegenden Moment während der Geburtstagsfeier sorgte Heimleiter Patrick Uhl, als er diese Erinnerungen noch einmal aufgriff und aus ihrer damaligen Lebensgeschichte vorlas. Die Erinnerungen an Kindheit, Kriegsjahre, Arbeit, Familie und Reisen zeichneten das Bild eines bewegten Lebens voller Mut, Tatkraft und Lebenswillen. Dass diese Eigenschaften Maria Schmerbeck bis heute begleiten, zeigte sich auch beim Erweiterungsbau des Antoniusheims. Mit einem Schmunzeln erinnerte Heimleiter Patrick Uhl daran, dass sie die Arbeiten aufmerksam verfolgte: „Sie war praktisch unsere Bauaufsicht.“ Kein Fortschritt auf der Baustelle blieb ihrem wachsamen Blick verborgen.
Zu den Gratulanten zählte auch die stellvertretende Landrätin Barbara Unger, die von der Jubilarin sichtlich beeindruckt war: „Man sieht Ihnen Ihre 105 Jahre wirklich nicht an.“ Für die kommenden Jahre wünschte sie Maria Schmerbeck vor allem Gesundheit, Zufriedenheit und viele weitere schöne Momente.
Bürgermeister Konrad Schmerbeck brachte neben den Glückwünschen der Gemeinde auch einen Auszug aus der Familienchronik der „Schmerbecks“ mit. Das ließ Maria Schmerbeck nicht lange auf sich sitzen: Kurzerhand holte sie ihre eigenen Unterlagen hervor und schnell drehte sich das Gespräch um Familiengeschichte, Herkunft und gemeinsame Wurzeln!
Johannes Magin von der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) würdigte Maria Schmerbeck als Persönlichkeit, die mit ihrem reichen Erfahrungsschatz, ihren Erinnerungen und ihrer Lebensgeschichte die Gemeinschaft bereichere. Bei einem Glas Sekt sowie Kaffee, Kuchen und stießen die Gäste auf das Wohl der Jubilarin an.
Bereits am Nachmittag hatten Pfarrer Dr. Peter Maier und Frau Mühlbauer die Feier besucht und die herzlichen Segenswünsche der Pfarrgemeinde Oberschneiding überbracht.
Nach dem Geheimnis ihres langen Lebens gefragt, antwortet Maria Schmerbeck mit einem Satz, der ihr Leben treffend beschreibt: „Wir müssen das Leben nehmen, wie es kommt. Wir werden nicht gefragt.“
Vielleicht liegt gerade in dieser Haltung die Erklärung für ein langes, erfülltes Leben. Mit 105 Jahren blickt Maria Schmerbeck auf einen außergewöhnlichen Lebensweg zurück – geprägt von Fleiß, Bescheidenheit, Verantwortungsbewusstsein und großer Lebensfreude. Und noch immer begegnet sie jedem neuen Tag mit Interesse, Humor und einem offenen Blick nach vorn.


Text und Bild: Claudia Anzinger, Maria Schmerbeck